Judentum in Deutschland

Im 19. Jahrhundert begannen die jüdischen Gemeinden in Deutschland zu erodieren. Wer das Ghetto nun verließ, endlich zu gleichen Bürgerrechten gekommen war, streifte oft auch die engen Regeln des Schulchan Aruch ab, die das fromme traditionelle Leben bis auf den Tisch und ins Bett regelten. Jude sein hieß bis Ende des 18. Jahrhunderts, das „Joch der Torah und der Mitzwot“ (Gebote) zu tragen, wie der Gelehrte Jeshajahu Leibowitz es formulierte.
Eine wahre Assimilierungswelle erfaßte die Juden hierzulande. Die Haskala, die jüdische Aufklärung, und der Eintritt in die deutsche Gesellschaft führten zu einer Liberalisierung innerhalb der Gemeinden. Strömungen wie das Reformjudentum, später importiert nach Amerika, waren eine deutsche Erfindung. Mancherorts, wie in Berlin und Frankfurt, also den Städten mit dem prozentual höchsten Anteil jüdischer Einwohner, ging der Angleich an die deutsche Mehrheitsgesellschaft so weit, dass man in die Synagogen Orgeln einbauen ließ und sogar darüber diskutierte, den Schabbat auf Sonntag zu verlegen.
Die Ironie der Geschichte will es, dass ein sehr frommer jüdischer Gelehrter zum Vater des progressiven Judentums wurde: Moses Mendelssohn. Er schuf als erster eine deutsche Übersetzung der Torah mit den Prophetenlesungen. 1783 erschient sein Werk unter dem Titel Sefer Netiwot ha-Schalom, „Buch der Friedenspfade“, in Anlehnung an Sprüche 3,17, die zitiert werden, wenn nach der Torahlesung in der Synagoge beim Gottesdienst am Schabbatmorgen die Torahrolle zurück in die Lade gebracht wird. Seine brillante Übertragung sollte zweierlei Zwecken dienen: gleichzeitig denen des Hebräischen Unkundigen ermöglichen, die Heilige Schrift zu studieren und ihnen nebenbei modernes Hochdeutsch vermitteln. Bis zu dieser Zeit gab es nur ein paar schlechte jiddische Übersetzungen. Moses Mendelssohns deutsche Torah, also die fünf Bücher Moses, erschien übrigens in hebräischen Buchstaben, damit es lesbar war von denen, für die im besonderen sie verfasst war. Mendelssohn verkörperte einen neuen Typus Gelehrter, war er doch gleichsam ein Kenner rabbinischer Tradition als auch der modernen Philosophen. Der sein ganzes Leben gottesfürchtige Mann kam als Junge aus Dessau nach Berlin und erwarb sich dort auch eine umfassende säkulare Bildung. Er steht für ein gebildetes deutsches Judentum, das Wissenschaft und Tradition miteinander verbindet. Mendelssohn war überzeugt davon, dass jüdisches Leben, streng nach der Halacha, in einer es umgebenden nicht-jüdischen Welt möglich ist. Dass von seinen sechs Kinder vier zum Christentum übertraten, erzählt deutsch-jüdische Geschichte gleichsam in Kurzform und bringt das beliebte und vielbeschworene Bild der angeblich so symbiotischen Beziehung in die richtige Schieflage.
1869 kam es in Berlin in der Einheitsgemeinde zum Bruch. Orthodoxe Mitglieder wollten die um sich greifende Liberalisierung nicht länger mittragen und verließen die Gemeinde, um eine eigene zu gründen: Adass-Jisroel. Als ihr geistiges Oberhaupt wählten sie Esriel Hildesheimer. Hildesheimer war, genauso wie der Frankfurter Samuel Raphael Hirsch, ein Vertreter der Neo-Orthodoxie. Diese Gegenbewegung stand für ein strenges Einhalten der Halacha, jedoch, ganz im Sinnes Mendelssohns, für den regen Ausstausch mit der modernen, säkularen Welt. Während Hirsch andere als orthodoxe Strömungen ablehnte, plädierte Hildesheimer für den Zusammenhalt aller Richtungen innerhalb des Judentums. 1873 gründete Hildesheimer das Rabbinerseminar zu Berlin, die erste moderne orthodoxe Ausbildungsstätte Deutschlands, auch als Gegenpol zu den zwei liberalen deutschen Rabbinerseminaren, die von Hirsch und Hildesheimer scharf abgelehnt wurden. Das Institut wurde schnell zu einer der bedeutendsten und wichtigsten Lehreinrichtungen für Rabbiner in Westeuropa. Ihre Absolventen sollten sich den Herausforderungen der Zeit stellen und die Tradition streng, doch modern vermitteln können. Philosophie und Pädagogik standen deshalb genauso auf dem Stundenplan wie Talmud, Tanach, Midrasch und biblische Geschichte.
Nach der Pogromnacht 1938 wurde das Seminar am 10. November zwangsweise geschlossen, die umfangreiche Bibliothek geplündert und zerstört.
Das orthodoxe deutsche Judentum war ein einzigartiges Phänomen innerhalb der jüdischen Welt gewesen: strenggläubig, also privat ein von der Umwelt völlig verschiedenes Leben führend und gleichzeitig deutschpatriotisch (und mit Begeisterung überproportional fürs Vaterland auch in den Ersten Weltkrieg marschierend), als Akademiker, Geschäftsleute, Staatsbeamtete völlig eingebunden in die deutsche Kultur. Von diesem Judentum ist nichts übriggeblieben. Was sich nach 1945 als jüdische Gemeinden formierte, wenige tausend Mitglieder, waren in der Mehrzahl DPs, „displaced persons“. Menschen, die die Alliierten aus den Lagern befreit hatten, Menschen, die hier auf den „gepackten Koffern“ saßen, weil es kein Zurück in ihr Zuhause gab. (Mindestens 1500 Juden wurden nach dem Krieg in Polen beispielsweise erschlagen, als sie an ihre alten Wohnorte zurückkehrten. Man hatte es sich inzwischen in ihrem Besitz bequem gemacht.) Oder die auf ein Visum warteten, für Amerika, Palästina. Kinder wurden geboren in diesen Lagern, viele Kinder, die alle aufwuchsen mit der Bürde, ausgelöschte Familienmitglieder zu ersetzen. Irgendwann, durch diese Kinder, wurden langsam, Stück für Stück, die Koffer ausgepackt. Hatten die jüdischen Gemeinden Deutschlands 1933 etwa eine halbe Million Mitglieder, waren es in den sechziger Jahren nur knapp 22 000. 1990 gewährte die letzte Volkskammer der DDR den mittlerweile unter offen grassierendem Antisemitismus leidenden Juden in der Sowjetunion Schutz als sogenannte Kontingentflüchtlinge. Dank dieser Zuwanderer blühte in vielen Orten, deren Gemeinden vollständig ausgelöscht waren, jüdisches Leben wieder auf. Mittlerweile gibt es wieder über einhundert Gemeinden mit insgesamt circa 101 350 Mitgliedern. Alle jüdischen Gemeinden der Nachkriegszeit waren orthodox ausgerichtet. Ihre Rabbiner kamen aus dem Ausland, meistens aus Israel oder Amerika. Sie sprachen in der Regel kein deutsch, blieben oft nur einige Jahre und waren mit dem Land nicht vertraut. Ignaz Bubis nannte sie „Wanderrabbiner“ und war überzeugt, dass mit ihnen eine Zukunft nicht möglich ist, sondern nur mit hier beheimateten und hier ausgebildeten Rabbis und Lehrern. Auch der Religionsunterricht in den jüdischen Schulen wurde mangels Personals meist mit in Israel ausgebildeten Leuten bestückt, ein äußerst unbefriedigender Zustand. 1979 beschloss der Zentralrat der Juden in Heidelberg die Gründung der Hochschule für Jüdische Studien, um Kantoren und Religionslehrer ausbilden zu können. Das Institut sollte die Tradition der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums“ im Vorkriegs-Berlin fortsetzen.
Die Liberalen waren die ersten, die wieder ein Institut zur Ausbildung von Rabbinern nicht nur in Deutschland, sondern in Europa nach der Schoa gründeten: 1999 wurde das Abraham-Geiger-Kolleg eröffnet, das mit der Universität Potsdam zusammenarbeitet.
Aber die Gemeinden sind in der Regel bis heute in ihrem Ritus orthodox orientiert geblieben, auch wenn sich inzwischen überall auch liberalere oder egalitäre Gruppen finden. Die ultraorthodoxen Richtungen sind vielerorts ebenfalls vertreten, vor allem durch die Lubawitscher Chassidim. Eine Besonderheit ist die Frankfurter Gemeinde und auch das hat sie Ignaz Bubis zu verdanken. In der Westendsynagoge haben die drei hier existierenden Richtungen unter einem Dach ihre Beträume: die Orthodoxen, betreut durch die zwei Gemeinderabbiner, die Ultraorthodoxen, sowie der Egalitäre Minjan mit einer Rabbinerin. Diese Koexistenz in einer Einheitsgemeinde ist in Deutschland einmalig.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland eröffnete 2009 in Zusammenarbeit und mit großzügiger Förderung der Ronald S. Lauder Foundation das Rabbinerseminar zu Berlin wieder. Es kooperiert in seiner Ausbildung mit der Fachhochschule in Erfurt.
Am 26. September 2016 fand in der Westendsynagoge in Frankfurt bereits die fünfte Ordinationsfeier orthodoxer, in Deutschland ausgebildeter Rabbiner statt. Die drei an diesem Tag ordinierten spiegeln dabei die Verhältnisse in den deutschen jüdischen Gemeinden heutzutage sinnbildlich wieder: zwei von den drei sind in der Sowjetunion geboren. Damit kommt noch ein anderer Aspekt zum tragen, der einen ganz wesentlichen Unterschied in den nächsten Jahrzehnten machen wird, falls es gelingt, jüdisches Leben in Deutschland zu erhalten: diese jungen Leute sind die Nachfahren von Juden, die sich mehrheitlich nicht als Verfolgte, sondern als Befreier vom Nationalsozialismus definieren. Sie sind in ihren Familien oft die ersten seit der Oktoberrevolution, die wieder jüdisch leben. Ihre Großeltern haben als Soldaten gegen Hitler gekämpft. Es war die Rote Armee, die am 27. Januar 1945 Auschwitz befreit hat. Trotz des Babi Jar Gemetzels, beispielsweise, hatten sich sowjetische Juden nicht „verfolgter“ gefühlt als der Rest der Bevölkerung. Geschehnisse, wie die unvorstellbare 900-Tage andauernde Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht, waren im gesellschaftlichen Bewusstsein viel stärker verankert. Schätzungen gehen davon aus, dass 1,1 Millionen Menschen damals verhungerten. Grauslichste Szenen spielten sich in der abgeriegelten Stadt ab und bildeten das kollektive Gedächtnis aller Sowjetbürger. Dazu kam eine Erziehung, die ausdrücklich zwischen Nazis und den Deutschen unterschied.
Weltweit begehen jüdische Gemeinden den Jom HaSchoa als Holocaust-Gedenktag, ein in Israel von David ben Gurion gesetzlich festgelegter Gedenktag, am 27. Nissan des jüdischen Jahres. Er orientiert sich am Datum des Aufstandes im Warschauer Ghetto, verschoben um acht Tage, weil er sonst in die Zeit von Pessach fiele.
In den jüdischen Gemeinden in Deutschland finden mittlerweile auch Feierlichkeiten am 9. Mai statt, dem „Tag der Befreiung“. Man trifft dort auf stolze, inzwischen natürlich sehr alte Frauen und Männer, die in ihrer Uniform mit all ihren Orden erscheinen und die geradezu vehement dem Selbstverständnis und dem Rucksack der alteingesessener Gemeindemitglieder und ihrer Kinder als Gemeinschaft und Nachkommenschaft Verfolgter entgegentreten. Und die selbstverständlich deshalb auch ein anderes Verhältnis zu den Deutschen und Deutschland haben. Es ist sehr berührend, diese alten Leute kennenzulernen, die mitten auf einer solchen Feier aufstehen und Goethe und Heine rezitieren – gelernt in ihrer Schulzeit. Ihre Kinder mussten hier zum Teil schmerzhafte Integrationserfahrungen machen. In der Zeit vor dem neuen Gesetz zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse landeten diplomierte Musikpädagoginnen als Hilfskräfte in Jugendtreffs und Physiker kamen in den Gemeinden aus Not unter als Schachlehrer im Hort. Fast niemand von ihnen hat einen Bezug zur Religion. Aber deren Kinder wiederum, die Enkel, wenden sich oft dem Glauben zu. Die Enkel wiederum der åalteingesessenen Gemeindemitglieder vollführen eine ganz anders motivierte Hinwendung zur Gemeinde. Hatten sich ihre Eltern einen Platz und ein Zuhause, auch gegen den Widerstand ihrer Eltern und mit aller eigenen Ambivalenz der Gefühle hier erkämpft, treibt sie nun die Sorge angesichts des neu aufflammenden Antisemitismus mit ihren Kindern, der dritten Generation, mehr und mehr ins innere Ghetto. Nach und nach werden beispielsweise die größtenteils nur bestehenden Grundschulen der Jüdischen Gemeinden ausgebaut bis zum Abitur – auch, weil man es den Kindern nicht zumuten will, dem meist muslimischen Antijudaismus ausgeliefert zu sein, dem die Lehrer in der Regel nichts entgegensetzen oder den sie noch nicht einmal bemerken, vielleicht auch, weil er ihrem eigenen Antizionismus entspricht. Viele von diesen Eltern leben vollkommen säkular, bestellen Salamipizza beim Italiener für die Kinder und Meeresfrüchte für sich, gehen Freitagabend aus und begehen die Feiertage nur noch irgendwie diffus „traditionell“, will sagen: heute ist und „man macht“ im Sinne von „früher“. Aber ein Anderssein wird vermittelt und ein Gefühl macht sich breit, dass man sich besser untereinander verankert als weiterhin zu glauben, man gehöre hier dazu wie jeder. Und das trennt wiederum in gewisser Weise die „Russen“ und die „Alten“. So lebt es fort und fort. Bis ins vierte Glied, heißt es in der Bibel, lebt die Schuld. Und die Furcht?

Erläuterung einiger Begriffe:
Tanach ist der jüdische Begriff für die Bibel, die in anderer Anordnung später vom Christentum als sogenanntes Altes Testament bezeichnet und übernommen wurde. Es ist ein Akronym: TNK steht für Torah (Lehre, die fünf Bücher Moses) Nevi’im (Propheten), Ketuvim (Schriften).
Unter Midrasch wird allgemein die Auslegung, das Studium und die Diskussion biblischer Texte verstanden. Der Ursprung des Wortes liegt in dem Verb darasch, das suchen und auch fragen bedeutet. Die Diskussion, das Ringen um die richtige Erfassung und Interpretation der Torah ist durch all die Jahrhunderte der Kern des Judentums. Dabei sollte man seine Studien nicht alleine betreiben. Es gibt die Weisung, sich Freunden anzuschließen, weil das Diskutieren miteinander die Gedanken schärfe. „Entweder man lernt zu zweit oder man verliert die Fähigkeit hinzuzulernen.“
Der Talmud (zu deutsch Studium, Belehrung) beinhaltet die Auslegungen der Schrift durch die bedeutendsten Gelehrten. Er ist der Gesetzestext des Judentums. Eine Seite des Talmud hat in der Mitte den jeweiligen Gesetzestext, genannt Mischna. Die Mischna sind die erweiterten und bis etwa ins Jahr 200 nur mündlich überlieferten festgelegten Gebote. Sie enthält alle Teile der in der Torah aufgestellten Gesetze, ergänzt um die Instruktionen, wie diese zu erfüllen sind. Die Texte sind dabei in sechs Ordnungen eingeteilt, den Fachgebieten quasi: Regeln zur Landwirtschaft, für die Feiertage, Ehe-und Familiengesetze, Strafrecht, Opfer-und Schlachtbestimmungen, verschiedene Reinheitsgebote. Darunter angeordnet befindet sich die Gemara. Diese enthält Zusammenfassungen von gelehrten, philosophischen Diskussionen und Auslegungen der betreffenden Stelle. Die Gemara wurde im 8. Jahrhundert abgeschlossen. Umrahmt wird die Gemara oben in der Form eines umgekehrtes L, von den Erläuterungen Raschis, einer der bedeutendsten Gelehrten. Er lebte im 11. Jahrhundert in Frankreich. Gegenüber finden sich weitere, spätere Kommentare und Erklärungen aus dem Mittelalter, sowie Anekdoten, Fabeln, Gleichnisse und Verweise auf andere Sachgebiete.

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